{"id":98,"date":"2022-05-01T15:30:46","date_gmt":"2022-05-01T15:30:46","guid":{"rendered":"https:\/\/polwelt.de\/?p=98"},"modified":"2022-05-01T15:32:44","modified_gmt":"2022-05-01T15:32:44","slug":"das-zweite-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polwelt.de\/?p=98","title":{"rendered":"Das zweite Leben"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap is-style-font-poppins wp-block-paragraph\">Neulich war ich bei guten Freunden zu einem Fest eingeladen. Es war ein sch\u00f6ner Sommerabend den wir bei gutem Essen und Wein im Garten genie\u00dfen konnten. Feste dieser Art waren leider die einzige M\u00f6glichkeit sich zu sehen und Neuigkeiten auszutauschen. Denn wie das so ist bei alten Freunden, man lebt sich auseinander und hat nur noch alle paar Monate mal Zeit f\u00fcr ein solches Zusammenkommen. Meist sa\u00dfen wir bis sp\u00e4t in der Nacht zusammen, tratschten, lachten zusammen und wir erz\u00e4hlten uns mit Vorliebe Geschichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als der Abend schon lange zur Nacht wurde und wir alle satt und zufrieden am Feuer in die Flammen blickten, bat uns Ged, der Freund den ich schon am l\u00e4ngsten in dieser Runde kannte, um unsere Aufmerksamkeit.<br>\u201cFreunde\u201c, sprach er, \u201eich muss euch eine Geschichte erz\u00e4hlen\u201c.<br>Er stand auf, trat ins Licht des Feuers, so dass wir ihn alle sehen konnten. Ja und dann erz\u00e4hlte er die seltsamste Geschichte, die mir je untergekommen war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als alle gespannt und in Erwartung auf eine sch\u00f6ne Geschichte zu ihm auf sahen, begann er zu erz\u00e4hlen.<br>\u201eLasst mich von einem Erlebnis berichten, welches ich erst letzte Woche erleben durfte. Wie ihr alle wisst, ziehe ich mich in meiner freien Zeit gerne zum Angeln zur\u00fcck.\u201c<br>Er blickt in die Runde und wies mit seinem Finger nach Westen.<br>\u201eDort hinter dem Wald am gr\u00fcnen See sitze ich dann und genie\u00dfe die Ruhe der Natur. Doch durch das Unwetter, welches erst einige Tage zuvor \u00fcber uns kam, trieb ein herrenloses Boot an den Platz, den ich mir stets zum Angeln aussuchte. Vom Regen und Sturm war es voller Wasser und schon fast auf Grund gelaufen. Ich hielt es f\u00fcr den Kahn vom alten M\u00fcller. Es w\u00e4re nicht das erste Mal gewesen, dass er sein Boot nicht richtig angebunden h\u00e4tte. Und es war auch nicht das erste Mal das ich es ihm zur\u00fcck brachte. Mit meinen hohen und wasserdichten Anglerstiefeln brauchte ich das Wasser nicht zu scheuen. Ich watete durchs Seewasser zum Boot, zog es ans Ufer und sch\u00f6pfte das Wasser. Als ich das getan hatte, wollte ich auf die andere Seite des Sees zum Haus des M\u00fcllers rudern. So stieg ich also ins Boot, ergriff eines der Ruder und stie\u00df mich<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ged hielt kurz mit dem Erz\u00e4hlen inne und blickte jedem von uns tief in die Augen bevor er weiter sprach.<br>\u201eDoch als ich mich anschickte auf den See hinaus zu rudern, meine Freunde, geschah etwas eigenartiges mit mir. Vor Schreck w\u00e4re ich fast aus dem Boot gefallen, als ich merkte welche Wandlung ich in nur einem Sekundenbruchteil durchgemacht hatte. Statt ins Wasser zu st\u00fcrzen sackte ich nur wie ein nasser Sack auf die Ruderbank. Statt meiner Anglerstiefel, zierten feine hochgeschn\u00fcrrte Damenstiefel meine F\u00fc\u00dfe. Ja und ich trug ein Kleid aus feiner Seide und R\u00fcschen. Aber nicht nur meine Kleidung war anders. Auch ich selbst hatte mich auf drastische Weise ver\u00e4ndert. Ich war eine junge Frau mit langem und lockigem blonden Haar. Mein nun zierlicher K\u00f6rper hatte nichts mehr von der kr\u00e4ftigen Statur des Mannes der ich einmal war. Ihr k\u00f6nnt euch nicht vorstellen wie verwirrt ich war. Getrunken hatte ich an diesem Abend keinen Tropfen, ich war n\u00fcchtern wie eine keusche Nonne. Lange sa\u00df ich einfach nur fassungslos in dem kleinen Boot. Ich wei\u00df nicht wie lange es dauerte bis ich einen klaren Gedanken fassen konnte. Was sollte ich tun? Ins Wasser springen und ans Ufer schwimmen, in der Hoffnung das ich diesen Alptraum umkehren konnte? Unm\u00f6glich mit diesem Kleid und den Stiefeln w\u00e4re ich nicht weit gekommen. Au\u00dferdem sa\u00df ich schon eine ganze Weile in dem Boot und die Str\u00f6mung hatte mich schon fast zur Mitte des Sees getrieben. Fieberhaft \u00fcberlegte ich was mit mir geschehen sei und was in Gottes Namen ich unternehmen k\u00f6nnte. Schlie\u00dflich kam ich zu den Schluss, dass ich wohl halluzinieren musste. Die Pilzpfanne, welche ich im Gasthaus zu mir nahm. Die muss es gewesen sein. Etwas anderes kam gar nicht in Frage. Diese Gedanken beruhigten mich allerdings in keiner Weise. Wer wei\u00df, was noch mit mir geschehen m\u00f6ge, wenn ich wirklich einen von diesen komischen Pilzen erwischt h\u00e4tte, die einem solch komische Sachen vorgaukeln konnten? Eines war mit jedoch klar. Hier mitten auf dem See w\u00fcrde sich meine Lage nicht verbessern. Besonders da die Sonne schon untergegangen war und ich das Ufer nur noch schwerlich erkennen konnte. Ich musste an Land rudern. Soviel stand schon mal fest.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Rudern viel mir schwer. Zum einen da mein sch\u00f6nes Kleid nicht daf\u00fcr gedacht war Ruderbewegungen zu vollf\u00fchren und zum Anderen weil mein zierlicher K\u00f6rper die schwere Arbeit nicht gewohnt war. Immer wieder musste ich eine Pause einlegen und die Arme wurden mir bald schwer. Doch schlie\u00dflich erreichte ich das Seeufer und eine Stelle an der ich an Land gehen konnte. V\u00f6llig ersch\u00f6pft und der Verzweiflung nahe versuchte ich mich zu orientieren. Ich hatte keine Ahnung wo ich gelandet war. Den See und seine Umgebung kannte ich wie meine Westentasche, selbst bei Neumond h\u00e4tte ich den Weg zur\u00fcck gefunden.Nicht jedoch in dieser Nacht. Einem Pfad folgend lief ich am Seeufer entlang, in der Hoffnung endlich vertraute Landschaft zu erreichen. Vergebens. Ich irrte sicherlich stundenlang durch die Nacht. Und bald schon \u00fcberkam mich Hunger und M\u00fcdigkeit. Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, da sah ich in der Ferne ein Licht dem ich folgen konnte. Es f\u00fchrte mich zu einem kleinen Grundst\u00fcck und einem Landhaus am See. An jedem anderen Tag h\u00e4tte ich mich gefragt, wieso mir hier aber auch gar nichts bekannt vor kam.<br>Schlie\u00dflich kannte ich doch jedes Anwesen an diesem See. In dieser Nacht allerdings hatte ich nicht mehr die Kraft mir solche Fragen zu stellen. Ich konnte nur noch kraftlos zur Haust\u00fcre des h\u00fcbschen H\u00e4uschens stolpern und brachte gerade noch genug Energie auf um anzuklopfen. Dem jungen Mann, der mir \u00f6ffnete fiel ich regelrecht in die Arme. Auf seine Frage \u201eMein Gott was ist ihnen den zugesto\u00dfen\u201c, konnte ich nur noch mit schluchzen und mit einem hemmungslosen Weinkrampf antworten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurze Zeit sp\u00e4ter sa\u00df ich, mit einer warmen Wolldecke umh\u00fcllt und einer dampfenden Tasse wohltuendem Tees in meinen zittrigen Fingern, in einem sehr gem\u00fctlichem Sessel diesem jungen Mann gegen\u00fcber. Er schwieg, stellte mir keine Fragen, sondern wartete bis ich die Fassung wieder gewann. Was eine geraume Weile dauerte, denn ich merkte, dass er in mir nicht einen verwirrten Mann sah, sondern eine Frau, der etwas furchtbares passiert sein musste. War damit meine Theorie von den Halluzinationen noch tragbar? Ich war immer noch zu verwirrt um meine Situation beurteilen zu k\u00f6nnen. Ja, und ich hatte Angst. Nicht etwa vor meinem Gegen\u00fcber, sondern vor mir selbst und meinen Emotionen die mich so sehr durcheinander brachten, dass ich nicht wusste was nun richtig oder falsch ist. Was konnte ich ihm erz\u00e4hlen? Die Wahrheit? Oder irgendeine Geschichte die nicht ganz so abwegig klang? Fast schon entschloss ich mich dazu ihm einfach etwas aufzutischen. Als ich ihm allerdings in die Augen sah, da f\u00fchlte ich das ich diesem Mann vertrauen sollte. Und ich erz\u00e4hlte ihn stockend meine Geschichte. Ich erz\u00e4hlte ihm wer ich bis heute Abend noch gewesen war und was mir auf dem See zugesto\u00dfen war. Er h\u00f6rte mir zu, ohne mir ins Wort zu fallen oder mich f\u00fcr verr\u00fcckt zu erkl\u00e4ren. Verstehen konnte er das Geh\u00f6rte genauso wenig wie ich. F\u00fcr ihn war nichts m\u00e4nnliches an mir. Er sah hier eine Frau, die vielleicht etwas durcheinander, keinesfalls aber irre oder verr\u00fcckt sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mittlerweile war es schon weit nach Mitternacht und da ich sehr m\u00fcde und ersch\u00f6pft war, bot er mir ein Bett in seinem G\u00e4stezimmer an. Vielleicht, so meinte er w\u00fcrde sich ja morgen alles kl\u00e4ren. Als ich zu Bett ging hoffte ich, dass dies alles nur ein b\u00f6ser Traum sein m\u00f6ge. Das ich Morgen wieder als Ged, der Mann der ich war, am See aufwachen und alles wieder gut sein m\u00f6ge. Am Morgen jedoch erwachte ich als Frau und nichts hatte sich ge\u00e4ndert. Auch nicht am Tag darauf, nicht in der n\u00e4chsten Woche und nicht einen Monat sp\u00e4ter. Ich blieb was ich geworden war. Eine Frau, die nicht wusste wer sie war und wo sie hin geh\u00f6rte. Mike, der Mann der mich in jener Nacht aufgenommen hatte, lie\u00df mich bei ihm bleiben. Er war sehr verst\u00e4ndnisvoll und geduldig mit mir. Am Anfang war ich verzweifelt und nicht in der Lage irgend etwas zu tun. Nach drei Monaten fragte ich mich, ob ich jemals der Mann gewesen sei, an den ich mich noch erinnern konnte. M\u00f6glicherweise hatte ich einen Unfall und mein Erinnerungsverm\u00f6gen spielte mir Streiche. Wer konnte das wissen? Und langsam, ganz langsam gew\u00f6hnte ich mich an mein neues ich. So kam es, wie es kommen musste. Mike und ich verliebten uns und wurden ein Paar, genau ein Jahr nachdem ich ihn kennen gelernt hatte. Mein altes Leben versuchte ich zu vergessen. Ich hatte nun ein Neues in dem ich gl\u00fccklich werden konnte. Die Jahre vergingen und wir f\u00fchrten eine gl\u00fcckliche Ehe, in der ich zwei Kinder gebar. An meine Vergangenheit dachte ich nicht mehr. Sie erschien mir wie ein Unfall dessen Einzelheiten ich vergessen hatte. Zehn Jahre waren mittlerweile vergangen. Dass es auf den Tag genau zehn Jahre waren, wusste keiner von uns mehr. F\u00fcr uns war es unser Hochzeitstag, den es zu feiern galt. Mike wollte mich zum Essen ausf\u00fchren, in die Stadt. So zog ich also mein sch\u00f6nstes Kleid an, sorgte daf\u00fcr, dass die Kinder im Bett waren und machte mich mit Mike auf den Weg. W\u00e4hrend Mike den Wagen holte, wartete ich und sah auf den See. Am Ufer lag ein Boot. Wahrscheinlich vom gestrigen Unwetter angetrieben. Ich dachte mir nichts dabei und schickte mich an, es an unseren Steg anzut\u00e4uen. Als ich jedoch ins Boot stieg um die Ruder einzulegen, geschah es. Ich hatte wieder meine Anglerstiefel und f\u00fchlte das kratzige Gef\u00fchl meines Bartes im Gesicht. An Land sah ich meine Angel liegen, gerade so wie ich sie vor zehn Jahren dort zur\u00fcckgelassen hatte. Ich war wieder der Mann, welcher ich einst vor so langer Zeit gewesen bin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-font-poppins wp-block-paragraph\">Alle die wir am Feuer sa\u00dfen und seiner Geschichte lauschten, befanden, dies sei die beste und originellste Geschichte, welche Ged je erz\u00e4hlt hatte. Wir applaudierten und dankten ihn f\u00fcr diese Erz\u00e4hlung. Ged dankte uns ebenfalls und sprach. &#8222;Ja, es mag f\u00fcr euch sicherlich ein h\u00fcbsche Geschichte gewesen sein. Doch wisst ihr, irgendwo dort drau\u00dfen habe ich einen Mann und zwei wundervolle Kinder. Nun, nicht zu wissen wie es ihnen geht, dass macht mich sehr traurig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neulich war ich bei guten Freunden zu einem Fest eingeladen. Es war ein sch\u00f6ner Sommerabend den wir bei gutem Essen und Wein im Garten genie\u00dfen konnten. Feste dieser Art waren leider die einzige M\u00f6glichkeit sich zu sehen und Neuigkeiten auszutauschen. 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